Mittwoch, 19. Dezember 2012

Adventskalender: Törchen 19

Heute hab ich wieder etwas besonders Tolles für euch: Der folgende Text - nennen wir ihn mal eine FanFiction - ist zusammen mit meiner guten Freundin Minerva entstanden (mit ihr habe ich auch schon die "Memento Mori"-Geschichte vom 17. November geschrieben). Er handelt - wie könnte es anders sein - von Weihnachten, und vom sprichwörtlichen Geist, der hoffentlich einen jeden von uns zum Fest der Liebe erreichen sollte. Viel Spaß beim Lesen! :)

Der Geist der Weihnacht

Albus lächelte und ließ mit einem raschen Wischen der Hand die Kerzen in seinem Büro aufflammen. Die Tannengirlanden, die sich über die Wände rankten, gaben dem Raum einen angenehm warmen Farbton und dufteten nach Weihnachten. Mit einem Glucksen griff er in eine Schale mit Brausebonbons und ließ sich leise summend in seinen gemütlichen Sessel fallen.
»Können Sie nicht leiser singen?«, schnarrte eine Stimme aus dem Portrait an der Wand.
»Phineas, die Weihnachtsmütze steht Ihnen wirklich ausgezeichnet«, antwortete Dumbledore vergnügt, ohne auf die Unverschämtheit einzugehen. Phineas Nigellus rümpfte beleidigt die Nase und verschwand ohne ein weiteres Wort aus seinem Rahmen.
Albus aber nahm fröhlich eine Feder zur Hand und schrieb ein paar Zeilen auf ein neues Blatt Pergament. Dann stand er auf, öffnete das Fenster und wartete, bis ein grauer Waldkauz auf dem Fensterbrett gelandet war.
»Du weißt, was du zu tun hast«, sagte er und gab dem Vogel einen Umschlag in den Schnabel, in den er den Zettel gesteckt hatte. »Ich erwarte Minerva in einer Stunde in der Eingangshalle. Hoffentlich gibt es Lakritzschnappern zum Fest.«
Der Waldkauz nickte unmerklich und flog hinaus. Albus sah ihm gedankenverloren nach, während sich unten auf dem Hof die Schüler eine wilde Schneeballschlacht lieferten. In der Ferne ging bereits die Sonne unter und tauchte den Himmel in ein warmes Rosa.
»Es gibt nur eins, was ich mir zu Weihnachten wünsche…«
Und seufzend sank er wieder in seinen Sessel.

Minerva McGonagall saß hochkonzentriert vor einem Stapel Hausaufgaben und murmelte missmutig vor sich hin. Die Aufsätze der Fünftklässler waren nicht das, was sie sich zu Weihnachten vorstellte.
»Wie kann man denn einen Raben mit einer Ratte verwechseln?«
Ein Flattern ließ sie aufhorchen. Ein Waldkauz landete mit einem Brief im Schnabel auf ihrem Schreibtisch. Sie lächelte, als sie die Handschrift erkannte, und legte die Aufsätze beiseite. Schließlich war Weihnachten. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs flogen die Pergamente in einen Schrank. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie ihren dicken, schottengemusterten Umhang übergeworfen hatte, trat sie auf den Korridor und machte sich auf den Weg nach draußen. Bei dem herrlichen Schnee brauchte sie einen Spaziergang.
Im letzten Schein der Sonne ging sie nachdenklich in die eisige Kälte hinaus. Der frische Wind tat ihr gut und vertrieb die drögen Gedanken.
Sie versuchte, sich möglichst unauffällig durch die von den Weasley-Zwillingen angeführte Menge zu schlängeln, als ihr plötzlich von hinten ein Schneeball den Hut vom Kopf fegte. Schneller als wohl irgendjemand gucken konnte, wirbelte sie herum und setzte zur Gegenwehr an. Ehe sie sich versah, war Minerva McGonagall Teil der jährlichen großen Schneeballschlacht von Hogwarts geworden.
Eine halbe Stunde später sank sie erschöpft zu Boden. Die Creevey-Brüder hatten ihr den Rest gegeben. Lächelnd sah sie die Schlosswand hinauf und bemerkte gerade noch aus dem Augenwinkel, wie ein langer silberner Bart aus Dumbledores Fenster verschwand.
Sie sah hinüber zu Harry Potter, der mit Hermine Granger und Ron Weasley hinter einem Schutzwall hockte und unbeschwert lachte. Ob er wohl jemals ein richtiges Weihnachten erlebt hatte, bevor er nach Hogwarts gekommen war? Wahrscheinlich nicht. Diese furchtbaren Muggel! Dumbledore sorgte sich sehr um den Jungen, das wusste sie. Aber seine Eltern würde er niemals wieder zum Leben erwecken können.



Zur selben Zeit, hunderte Kilometer entfernt, deckte Vernon Dursley im Essezimmer vom Ligusterweg Nummer 4 leise summend den Tisch. Bald würde Petunias großartiger Weihnachtsbraten fertig sein. Ein herrlich normales Weihnachten stand bevor: Die Familie im Haus, ein Festmahl am Abend und draußen hatte es den ganzen Tag geschneit.
In einer Ecke des Zimmers lief der Fernseher, die Nachrichten gingen gerade zu Ende.
»Und zum Schluss noch diese Meldung«, schloss der Nachrichtensprecher. »Am frühen Nachmittag wurde über London ein riesiger Schwarm Eulen gesichtet, offenbar mit je einem Paket in der Kralle. Hat die Post etwa neue Aushilfskräfte gefunden?«, witzelte er. »Wie dem auch sei, ein frohes Weihnachtsfest an Sie alle!«
»EULEN!«, rief Onkel Vernon, stapfte zum Fernseher und hämmerte mit der Faust so fest auf den Ausknopf, dass dieser zerbrach. »Dieses Pack wird mir mein ganz normales Weihnachtsfest nicht kaputt machen, oh nein, das wird es nicht...«, murmelte er vor sich hin. Er blickte auf und sah Petunia mit geschürzten Lippen in der Tür stehen. »Am besten, du fegst nochmal den Gehweg, Vernon, sonst könnte sich noch jemand beschweren«, rief sie nur und ging wieder in die Küche, wo der Braten im Ofen brutzelte.
Arme Petunia, dachte Vernon. Sowas erinnerte sie immer an ihre nichtsnutzige Schwester und all den Ärger, den sie durch sie am Hals hatten.
Er stapfte hinaus, schnappte sich den Besen, der neben der Tür stand und begann, zu fegen. Es war schon fast dunkel, aber Petunia hatte ganz recht - was würden bloß die Nachbarn sagen, wenn jemand auf dem Gehweg ausrutschte und er plötzlich eine Klage am Hals hatte? Nicht auszudenken.

Petunia Dursley stand in ihrer auf Hochglanz polierten Küche und starrte in den Ofen. Doch eigentlich sah sie gar nicht den Weihnachtsbraten vor sich, sondern ein junges Mädchen mit langen roten Haaren und grünen Augen. In ihrem Kopf hallte eine längst vergangene Stimme wider. ‚Eulen, Petunia! Jeden Morgen kommt die Post mit Schwärmen von Eulen, ist das nicht großartig?‘
Es wurde nicht besser. Nach all den Jahren hörte Petunia die Stimme immer noch, die mit Begeisterung von einer Welt sprach, die ihr auf ewig verschlossen geblieben war. Die Stimme kam aus einem früheren Leben, mit dem sie längst abgeschlossen hatte, das sie einfach nur vergessen wollte. Und zugleich ...
... sehnte sich Petunia nach dieser Stimme. Nach Lilys Stimme. Sie hatte nie aufgehört, ihre Schwester zu lieben, wie oft sie auch dagegen angekämpft hatte. An Weihnachten wurde ihr das ganz besonders bewusst. Jahr für Jahr fraß der Gedanke an ihre Schwester ein Loch in das Bild von Petunias perfekter Familie. Mehr und mehr schien ihr ganz gewöhnliches Leben einer Lüge gleich zu kommen. Und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer...
»NEIN!« Mit einem Aufschrei verpasste sich Petunia eine schallende Ohrfeige. Diese Strafe hatte sie verdient. Ihre Schwester war tot und das war auch gut so. Hektisch wandte sie sich dem Herd zu, auf dem die Bratensoße in einem Topf vor sich hin blubberte. Sie rührte mehrmals in der Soße herum. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie warm es hier drinnen war. Sie ging zum Fenster und riss es auf. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen und sie atmete ein paar Mal tief durch.
»Petunia! Alles in Ordnung?“ Vernon trat, mit einer Schneeschaufel in der Hand, in ihr Blickfeld. »Geht’s dir nicht gut?«
Einen Moment lang fehlten Petunia die Worte, ehe sie sich besann und lächelte. »Alles in bester Ordnung, Vernon. Der Weihnachtsbraten wird perfekt!«

Arabella Figg schürzte amüsiert die Lippen. Sie glaubte nicht, dass allein der Weihnachtsbraten Petunia Dursley beschäftigte. Vielleicht war ihr Herz doch zu gut für ihren groben Mann. Leise summend ging sie an Haus Nummer 4 im Ligusterweg vorbei und warf dem Ehepaar Dursley flüchtig einen Blick zu.
»Was gibt’s denn da zu gucken?«, grunzte Vernon. Sie beachtete ihn nicht, sondern schwang munter ihr altes Einkaufsnetz voller Katzenfutter hin und her. Zu Hause warteten ihre Lieblinge hungrig auf sie. Sie wussten nicht, dass es Weihnachten war, woher auch? Den ganzen Tag schliefen sie auf dem Sofa oder vor dem Kamin und freuten sich über alles, was sich bewegte.
Leise seufzend schloss Arabella ihre Haustür auf. Ihre gute Laune war verflogen und eine bedrückende Schwere legte sich mit jedem Atemzug stärker auf ihr Herz. Der Potter-Junge tat ihr leid. Sei ganzes Leben bei dieser Familie, kein Wunder, dass er an Weihnachten lieber in der Schule blieb. Entschlossen griff sie in die Schublade neben dem Kühlschrank und zog eine Tafel Schokolade hervor. Vielleicht würde sich der Junge darüber freuen. Als hätte er es geahnt, landete ein grauer Steinkauz auf ihrer Fensterbank und streckte sein Bein aus, sodass sie das kleine Päckchen daran befestigen konnte.
»Bring das Harry. Ich weiß, du kannst nicht sprechen, aber sag ihm frohe Weihnachten von mir.«
Der Kauz krächzte laut und schwang sich in die Luft, während die alte Dame sich in einen Sessel vorm Feuer sinken ließ. Eine getigerte Katze sprang ihr auf den Schoß und sie kraulte sie gedankenverloren. Ein weiteres einsames Weihnachtsfest mit ihren Katzen. Ein weiteres Jahr vergangen, ohne dass sich etwas verändert hatte. Dieselbe Straße, dieselben Menschen, dieselbe Verbitterung. Was war das nur für eine Welt. Und doch, dieses Fest hatte etwas magisches an sich.
Eine Weile saß sie dort, dann schob sie die Katze sanft von ihrem Schoß, um sich einen Tee zu kochen. Diese miaute protestierend und sprang beleidigt auf den Kaminsims.



Auch in Hogwarts saß eine Katze auf dem Kaminsims im Büro von Minerva McGonagall. Sie hatte ein quadratisches Muster um die Augen. Die Wärme des Feuers schien ihr zu gefallen. In der Ecke läutete eine eicherne Standuhr sieben Mal. Blitzschnell erhob die Katze sich und sprang vom Kaminsims. Leichtfüßig landete Minerva McGonagall in Mitten ihres Büros auf den Füßen. Sie trug einen dunkelroten Umhang mit aufgestickten, goldenen Löwen auf den Ärmeln. Das Haar hatte sie wie üblich zu einem eleganten Knoten zusammengebunden.
»Zeit zu gehen«, murmelte sie, trat auf den Flur hinaus und ging in Richtung Eingangshalle. Und dort, am Fuße der großen Marmortreppe, deren Geländer wie üblich mit gewundenen Stechpalmenzweigen umrankt war, stand Albus Dumbledore in einem mitternachtsblauen Umhang mit großen, gelben Sternen darauf.
»Minerva«, begrüßte er sie mit einem Lächeln. »Schön, dich zu sehen.«
»Guten Abend, Albus«, antwortete sie und spürte, dass auch ihr ein Lächeln aufs Gesicht trat.
Seite an Seite durchschritten sie das Tor zur Großen Halle. In der Mitte stand ein einzelner, langer Tisch, gedeckt für zwei dutzend Personen, voll beladen mit den herrlichsten Speisen, die Minerva sich vorstellen konnte. Von der Decke rieselte künstlicher Schnee langsam herab und verschwand wieder, zentimeter bevor er den Boden berühren konnte. An den Seiten standen die üblichen zwölf Weihnachtsbäume, von denen einer prächtiger Funkelte als der andere.
Noch war niemand außer ihnen da. Die beiden setzen sich in die Mitte der Tafel und Minerva blickte durch eins der großen Fenster nach draußen. Auch dort rieselte der Schnee. Unwillkürlich kam ihr die Schneeballschlacht vom Nachmittag in den Sinn und erneut musste sie lächeln. Noch nie zuvor hatte sie bei so etwas mitgemacht. Wie sehr der Zauber dieses Festes einen Menschen doch verändern konnte. Ob man nun wollte oder nicht – an Weihnachten wurde man eben zu seinem Glück gezwungen.
»Frohe Weihnachten, Albus.«
»Frohe Weihnachten, Minerva.«

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